Seit genau einer Woche ist Dublin mal wieder in den Negativschlagzeilen. Der Mord an einem 32jährigen Berufskriminellen im Regency Hotel in Drumcondra vergangenen Freitag schaffte es auch in die Schlagzeilen Kontinentaleuropas. Und allerorts, vor allem in sozialen Netzwerken, herrschte Verwunderung.

“Ich dachte wenigstens in Irland wäre die Welt noch in Ordnung.” (Zitat aus einem Facebook-Post).

Fünf mit Kalashnikov-Nachbauten bewaffnete Männer stürmten letzte Woche in das Regency-Hotel, wo gerade ein “Einwiegen” vor einem lokalen Boxkampf im Gang war. Ungestört machten sie ihr Ziel in der Menschenmenge aus, und exekutierten den 32jährigen vorbestraften Drogendealer. Danach verließen sie das Hotel – sie sind bis heute auf der Flucht. Es stellte sich heraus, dass die ein Racheakt für den Mord an einem Gangleader in Spanien im Spätherbst 2015 war.

Was für Irlandfans jenseits der Insel so überraschend (und erschreckend) kam, verwunderte hierzulande die Wenigsten. Denn leider – wenn auch bislang nicht in diesem Ausmaß – ist es hier durchaus an der Tagesordnung, dass sich rivalisierende Drogenbanden gegenseitig dezimieren – zum Glück meistens ohne Unschuldige miteinzubeziehen.

Es fühlt sich gegensätzlicher als sonstwas an. Die Schönheit und Ruhe der Insel auf der einen Seite, die brutalen Morde im Drogenmilieu auf der anderen. Es zeigt aber lediglich, dass Dublin, wie andere Metropolen auch, eben Facetten jeder Schattierung zu bieten hat.

Nur zwei Tage nach dem Mord im Hotel kam dann auch schon der Gegenschlag, und der Bruder des rivalisierenden Gang-Bosses wurde in seinem Haus in Dublin hingerichtet. Ping Pong mit Gewehrkugeln.

In Erinnerung vielleicht auch noch die zerstückelte Leiche, die vor wenigen Wochen im Kanal in der Grafschaft Kildare gefunden wurde – ebenfalls ein Racheakt an einem Geldeintreiber in Drogenkreisen.

Was will ich damit sagen? Dublin ist keineswegs eine Stadt, die man nicht mehr genießen kann. Man wird auch nicht erschossen, wenn man auf die Straße geht. Es gibt sie aber sehr wohl – die brutale Kriminalität, die so oft verschwiegen oder ignoriert wird. Wie wohl in jeder größeren Stadt der Welt.

Generell aber scheint sich die Lage zu verschlimmern. Unlängst hat Brian O’Carroll, einer der bekanntesten Fotografen des Landes, auf seinem Blog mitgeteilt, dass er nachts nicht mehr alleine in Dublin zum Fotografieren unterwegs ist. O’Carroll ist vor allem für seine Nachtaufnahmen von Dublins Brücken bekannt. Nach einem vereitelten Raubversuch und mehreren kritischen Auseinandersetzungen mit dem Mob zieht er es jetzt vor, frühmorgens vor Sonnenaufgang seine Fotos zu machen, wenn der Aussatz noch schläft.

Bild: © Joe.ie
Bild: © Joe.ie

Und jetzt sehen wir nach Jahren wieder bewaffnete Polizisten auf Dublins Straßen, aus Sorge, der Gang-Krieg könnte weiter eskalieren, gerade im Vorfeld des Begräbnisses der beiden Mordopfer. Es fühlt sich eigenartig an.

Dennoch aber: Irland ist und bleibt im großen und ganzen ein sicheres Reiseland. Und auch das Leben hier ist nicht gefährlicher als woanders. Eine kaputtgesparte Polizei und ein viel zu laxer Gesetzesvollzug im Zusammenhang mit Drogenhandel hat aber die Gangs blühen und gedeihen lassen. Und jetzt sieht man erstmals auch außerhalb Irlands, wohin das führen kann.


Ach ja, auf Namen der Gangs und ihrer Chefs habe ich hier bewusst verzichtet. Die kriegen auch so schon genug Publicity.

 

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