Der Duft von frischem Kaffee war für mich seit meiner Jugendzeit immer das Symbol für einen perfekten Sonntag. Er versprach – mehr als an jedem anderen Wochentag – Ruhe, die Gelegenheit zum Entspannen, den ausgedehnten Blick in die Sonntagszeitungen und einen Tag zum Kraftsammeln. Abseits jener Stressfaktoren, die die Arbeitswelt heute oft beherrschen, symbolisierte der ausströmende Geruch von erhitztem Koffein in reinster Form jahrelang für mich Sonntag pur.

Doch seit den ersten Urlauben hier auf der Insel, und erst recht, seit wir hier leben, hat der ruhige Sonntag noch eine weitere Definitionsform bekommen. Und die sieht so aus:

Für die wohl eher wenigen, die sich hierher verirren, und mit dem Begriff “Full Irish Breakfast” nichts anfangen können: Es handelt sich hierbei um das traditionelle und weit verbreitete Frühstück auf der Smaragdinsel: Bestehend aus gebratenem Schinken ( so genannten Rashers), Würstchen (die meist eher geschmacksneutral sind und etwas ‘Nachhilfe’ mittels Gewürzen vertragen), einem Spiegelei, Bohnen (Baked Beans genannt) und – etwas regional unterschiedlich – Tomaten, Kartoffelpuffern und entweder White Pudding (eine Art Gehacktes, meist gut gewürzt) oder Black Pudding (am ehesten mit Blutwurst vergleichbar, und bis heute das Einzige, was ich am Irish Breakfast strikt verweigere). Dazu wird Toast gegessen, und vor allem in den B&B’s (Bed & Breakfast, traditionelle irische Beherbergungsform) gibt es vorher auch noch diverse Müslis und Joghurts zur Auswahl, um sich den Bauch so vollzuschlagen, dass man sich das überteuerte Mittagessen auf der Insel meist schenken kann.

Warum nun eine “Liebeserklärung” an dieses Frühstück, das dereinst meist den englischen Besatzern vorbehalten war, weil die irische Landbevölkerung kaum Fleisch zur Verfügung hatte, und dass den Begriff “deftig” in neue Dimensionen treibt? Nun, aus einem ganz einfachen Grund: Das Irish Breakfast ist für mich – auch noch nach 4 Jahren auf der Insel – der Inbegriff des irischen Lebens – auch wenn das komisch klingen mag.

Schon klar, gesund schaut anders aus (schmeckt aber auch meist anders). Aber ein hoher Cholesterinwert bedarf einiger Aufmerksamkeit, um nicht nach unten abzufallen. Und es ist noch mehr mit einem Irish Breakfast verbunden: Die Familienzeit, während die Rashers in der Pfanne bruzzeln und der Toaster vor sich hinglüht, der unvergleichliche Duft von viel zuviel Öl und Fett zur Frühstückszeit und die Erinnerung an das erste Aufschlagen hier auf der Insel. Als noch alles neu war, unbekannt und aufregend. Was vieles auch noch heute ist.

Der Geruch von gut gebratenem Schinken heißt für mich heute das, was lange Jahre nur der Kaffeeduft verheißen konnte: Frieden, Ruhe, stressfreie Zone. Dafür nimmt man doch gerne die verfrühte Arterienverfettung in Kauf, oder?

Deshalb, und gegen jede Vernunft oder Ernährungstabelle: I love Irish Breakfast. Mahlzeit, und schönen Sonntag.


A Blast from the past.  Dieser Artikel ist erstmals am 29. April 2012 auf www.irlandlive.com erschienen.

Titelbild: Ross McDermott, via Flickr.com

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