Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.
Plato

In diesen Stunden und Tagen spitzt sich die Situation zwischen Isreal und den Palästinensern im Ghaza-Streifen immer mehr zu, und der große Militärschlag Israels ist stündlich zu befürchten. Die israelischen Truppen haben bereits Stellung an der Grenze bezogen, und auch die israelische Artillerie verstärkt ihre Einsätze.
Der Ghaza-Streifen ist ein ewiges Krisengebiet: Heiß umkämpft in den Sinai-Kriegen zwischen Ägypten und Isreal, übernahm nach kurzen ägyptischer Herrschaft über diese Zone nach dem Sechstagekrieg von 1967 wieder Isreal die Regentschaft. Und es dauerte bis zum Jahr 2005, bis der israelische Abzug aus diesem Gebiet (auf Initiative von Ariel Sharon) beschlossene Sache war. Heute ist der Ghaza-Streifen, genauso wie das Westjordanland, autonomes palästinensisches Gebiet, allerdings unter der Führung der radikalen Hamas.
Der Ghaza-Streifen ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt, vergleichbar in etwa mit Berlin. Etwa 1,4 Millionen Menschen leben dort, und die Geburtenrate ist eine der höchsten auf dieser Erde. Über 80 Prozent der dortigen Bevölkerung lebt auf engstem Raum und teilweise deutlich unter der Armutsgrenze.
Ich will mich bewusst nicht auf eine Seite auf diesem Konflikt stellen. Spannungen, die sich jahrhundertelang aufgebaut haben, drohen in diesen Tagen endgültig zu eskalieren. Erst die Hamas-Angriffe auf israelisches Grenzgebiet, dann die ersten Gegenschläge Israels (die ich ob der militärischen und finanziellen Überlegenheit Isreals aber für stark überzogen halte), die Ablehnung von “einseitigen” Waffenstillständen… Die Zeichen stehen auf Krieg.
Und als wäre die Situation nicht schon so schlimm genug, eilt der Noch-Amerikanische Präsident George W. Bush (ja genau, jener mit den Präventivschlägen und den noch immer nicht gefundenen Massenvernichtungswaffen im Irak usw. usf.) seinen israelischen Familienfreunden mit texanisch besporten Siebenmeilenstiefeln zu Hilfe:

“Die Raketenangriffe der Hamas auf Isreal sind ein eindeutiger und klarer Akt des Terrors…”
“Wir werden keinen einseitigen Waffenstillstand in diesem Gebiet zulassen, der terroristische Aktionen radikaler Palästinenser zulässt…”

Nun, soweit also die Logik des amerikanischen Präsidenten: Bomben von Ghaza nach Israel: Böse. Widerstand gegen israelische Angriffe: Sehr böse. Bomben und Flugangriffe von Israel Richtung Ghaza: Unterstützenswert und absolut in Ordnung.
Nun, abgesehen davon, dass Bush ohnehin noch immer in der Utopie lebt, dass die blosse Erwähnung des Wortes “Terrorismus” sämtliche Einmischungen in die Weltpolitik ohne Weiteres rechtfertigt, mag man sich doch fragen, warum diese extrem einseitige Sichtweise der Dinge im präsidialen amerikanischen Erbsenhirn entsteht: Einmal mehr (nach 9/11, dem Irak und vielem mehr) nimmt Bush einen Konflikt zum Anlass, schamlos seinen Freunden ohne jegliches Hinterfragen beizustehen, und sich als Welt-Sheriff (der seine texanischen Wurzeln nicht verleugnen kann und will) aufzuspielen.
Eine militärische Einmischung der Amerikaner (die in der Bush-Rede mehr direkt als indirekt im Raum stand) würde wohl die endgültige Eskalation in diesem Gebiet bedeuten. Und die Folgen eines großflächigen Krieges in diesem Raum sind noch kaum absehbar.
Anstatt sich – wie zum Beispiel die UNO und Amnesty International – zu bemühen, die beteiligten Parteien zu einer friedlichen Lösung zu bewegen und an den Verhandlungstisch zu bringen, gießt Bush einmal mehr Öl ins Feuer (kein Wunder bei seinem beruflichen Werdegang) und hofft – so denke ich – insgeheim darauf, noch einmal in seiner Amtszeit in einen größeren Krieg eintreten zu können. Offenbar sind noch nicht genug junge AmerikanerInnen in Blechkisten zurück aus den Regionen der Welt geschickt worden, wo Bush meinte, man sei auf militärisches Einschreiten Amerikas unbedingt angewiesen.
Mir bleiben lediglich zwei Hoffnungen: Zum Einen, dass Bush für ein Eingreifen in einen eventuellen Krieg nicht das notwendige Mandat des US-Senates bekommt. Und zum Zweiten, dass sich vielleicht doch noch die Streitparteien in der Ghaza-Region besinnen und Verhandlungen noch zu einem Zeitpunkt beginnen, wo weiteres Blutvergießen noch vermeidbar ist. Doch ich weiß, dass beide dieser Hoffnungsschimmer sehr schwach scheinen.
We’ll see what happens.

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